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| Heike Engelhardt

Der 27. Januar ist der Internationale Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. In Ravensburg-Weissenau erinnern wir uns am 27. Januar an die 691 psychisch Kranken aus der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Weissenau, die 1940 und 1941 von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Ans Denkmal der grauen Busse vor der alten Pforte des Zentrums für Psychiatrie kamen auch viele Jugendliche aus Ravensburger Schulklassen zu der Gedenkfeier. Sie hatten zuvor über Ausgrenzung und unsere Verantwortung in der heutigen Gesellschaft diskutiert: Gegen Vergessen – für Demokratie.

Nachdem 691 Glockenschläge zur Erinnerung an die 691 ermordeten verklungen waren, sprach Dr. Jochen Tenter als Stellvertretender Ärztlicher Direktor des psychiatrischen Zentrums. Er fragte, wie das Unfassbare vor 75 Jahren habe geschehen können und sagte: „Neben fehlgeleiteten erbbiologischem Denken gab es handfeste wirtschaftliche Gründe: Geld sparen in Kriegszeiten, das Krankenhaus zum Lazarett machen und Platz für die Unterbringung von Zwangsarbeitern in der Rüstungsindustrie Friedrichshafens schaffen.“

Tenter nannte die Ermordung von psychisch Kranken und geistig Behinderten in der so genannten “Euthanasie-Aktion” den “Auftakt zu einem beispiellosen Kulturbruch”. Systematisch wurden danach weitere Gruppen ausgegrenzt: Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti, Roma und andere Personengruppen wurden verfolgt und ermordet.

Auch in jüngerer Zeit kam es zu Massentötungen. Tenter erinnerte an die 500.000 bis eine Million ermordeten Hutu und Tutsi in Ruanda, Burundi und Kongo oder die Massaker von Srebrenica. Blicken wir nach Syrien, erkennen wir einen erneuten Brennpunkt der Weltpolitik. Städte werden bombardiert, die Weltöffentlichkeit schaut zu. Millionen sind auf der Flucht. Die Überlebenden einer ganzen Region werden auf Generationen traumatisiert sein. Angesichts dessen muss sich unsere Sozialgesellschaft auf ihre Werte besinnen und den Verfolgten Schutz bieten.

Wir können unseren Beitrag dazu leisten, diese globale Herausforderung freilich nicht allein meistern. Tenter fand klare Worte: “Wer es ernst mit Flüchtlingshilfe meint, muss sich für eine Befriedigung des Konfliktes einsetzen. Eine Weltaufgabe. Auch vor 70 Jahren ist die Beseitigung der deutschen Diktatur nur durch den Zusammenschluss der internationalen Staatengemeinschaft gelungen. Damit soll nicht dem Krieg das Wort geredet werden, sondern einer Lösung der Probleme im Nahen Osten: Palästinenserfrage, Perspektivlosigkeit von Generationen junger Menschen, kurz Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd, Bevölkerungsgruppen und Staaten. Sonst werden in 75 Jahren unsere Enkel Gedenkfeiern abhalten und fragen: warum?”

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